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Herrlich hässlich! Warum die Welt nicht den Schönen gehört.

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Warum sich Dicke doppelt abarbeiten müssen

Dicke brauchen in jeder Lebenslage ein dickes Fell. „Boah, kann mal jemand das Walross ins Wasser zurückschubsen?“, hört eine dicke Frau, als sie sich am Ostseestrand sonnt. „In Ihrer Lage würde ich überhaupt nichts mehr essen“, muss sich ein Mann im Supermarkt behelligen lassen, als er seinen Einkaufswagen durch die Gänge schiebt. „Na, Mutti, werden wir allmählich rund?“, sagt ein vorbeilaufender Jugendlicher rotzig zu einer Frau, die in kurzen Hosen und engem T-Shirt auf einer Parkbank sitzt. Diese Bemerkungen haben wir als zufällig anwesende Dritte aufgeschnappt, und wir waren entsetzt über die Brutalität der Urteile. Wieviel davon müssen Dicke wohl in einer Woche ertragen? Wie tief gehen diese Bemerkungen, und wie schaffen es Übergewichtige, die überall lauernde Verachtung wegzustecken?

Dicke werden im Leben oft gekränkt. Eine ungefragt urteilende Umwelt stuft sie zugleich als fett und als hässlich ein. Dick und hässlich sind in unserer Gesellschaft synonyme Begriffe. Die allgegenwärtige Tyrannei der Schönheit ist in gleichem Maß eine Tyrannei der Schlankheit.

Am Ende sind Übergewichtige so mürbe, dass sie von außen kommende Urteile verinnerlichen; sie empfinden sich dann ganz selbstverständlich als hässlich ­ alleine deswegen, weil sie dick sind. In einem Interview sagte die 47-jährige Emma: „Ich nehme meine Figur als Maßstab für Schönheit oder Hässlichkeit.“

Vielleicht schockiert es Sie, dass wir explizit von „Dicken“ sprechen. Und nicht beschönigend von kräftig gebauten, runden oder pummeligen Menschen. Damit wollen wir ihr Aussehen nicht abwerten, sondern wir erkennen es vielmehr an. Wir folgen einem einfachen Grundsatz: zu sagen, was Sache ist. Wir sind uns darüber im klaren, dass dick alles Mögliche beinhalten kann, auch das kokettierende Dünnsein. Doch das spielt für uns keine Rolle. Dick ist, wer sich als dick empfindet. Lassen wir uns nicht auf die halbherzigen Adjektive ein, die die Gesellschaft den Dicken überstülpt. Unser Ansicht nach kaschiert deri? milde Blick („gut, du bist ein bisschen molliger“) meist lediglich die heimliche Verachtung durch die Schlanken.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist dünn zu sein das hartnäckigste Schönheitsideal überhaupt. Galt es früher vor allem für Frauen, so holen die Männer rapide auf. Männer agieren ihre Körperbesessenheit aus, indem sie sich systematisch Muskeln antrainieren und ihre Ernährung umstellen. „Fettverbrennung TOTAL“ hängt als Werbeplakat im Schaufenster eines Fitnessshops für Männer in Hamburg ­ eine Anleitung zu extrem eiweißreicher Kost und täglichem Langhanteltraining. Frauen versuchen es lieber mit rabiaten Diäten, die manchmal langwierige Essstörungen zur Folge haben.

Vor allem für die weibliche Bevölkerung gibt es keine Alternative zu einem schmalen Körperschema. Eine Gewichtszunahme zu vermeiden ist für mehrere Generationen zur Lebenszeit raubenden Aufgabe geworden. Vorbei die Zeiten, als Frauen ab dem ersten Kind getrost dicker werden durften, als Marilyn Monroes Beine noch als ideal angesehen wurden und Großmütter mit Genuss in die Breite gingen. Die historische Deutung des Dickseins hat sich komplett umgekehrt: Galt Leibesfülle früher als Zeichen der Wohlhabenden, so ist sie heute kennzeichnend für die Unterschicht, für die weniger Privilegierten, die Fehlernährten. Wer nichts hat, hat wenigstens Speck. Wer ungebildet ist und wenig Geld verdient, nimmt zu. Zahlreiche Sozialstudien haben das belegt. Mit dem Dicksein verbinden wir die gleichen negativen Assoziationen wie mit der Hässlichkeit im allgemeinen.

„Das einzige Schönheitsgebot, das sich dauerhaft etabliert hat, lautet: Du sollst schlank sein“, schreiben die Autorinnen Sundermeier und Berger. Die Mode setzt alles daran, diesen Trend noch kräftig anzuheizen. „Mit jedem Jahrzehnt fällt die Idealfrau mehr vom Fleisch. Abzumessen an den immer untergewichtigeren Models und Hollywood-Stars ­ den Schönheitsikonen des Medienzeitalters. Der amerikanische Designer Calvin Klein soll einmal die Losung ausgegeben haben: ‚Ich möche nicht, dass Frauen über Größe 42 meine Kleider tragen.’“ Und Karl Lagerfeld, der Ende 2004 für H&M eine Kollektion entwarf, regte sich darüber auf, dass der schwedische Modekonzern seinen Schnitten offenbar ein paar Zentimeter dazugegeben hatte, damit die Sachen auch Käufern mit Durchschnittsfigur passten. Als das herauskam, war Karl Lagerfeld laut Medienberichten derart sauer, dass die erfolgreiche Zusammenarbeit damit beendet war. Dabei wog der Modemacher selbst mal zuviel, bevor er die Diät, in seinem Falle eine Eiweiß-Orgie, zu seiner Religion erhob und extrem an Gewicht verlor.

Diäten können ein ganzes Leben prägen. Der Brite Brian Clivaz, ein Mann in mittleren Jahren, zählte seine freimütig im Fernsehen auf: „Meine erste Diät machte ich vor etwa 25 Jahren. Seitdem habe ich jede mögliche Diät ausprobiert. Die fettreduzierte, die Carol Vorderman’s Detox-Diät. Ich habe verschiedene vegetarische Diäten versucht, die Kohlsuppendiät und die Montignac-Diät. Die schwedische Herzinfarktdiät, die Slim-Fast-Diät, die Eierdiät. Es gibt auch eine mit Grapefruits, die ist ganz schrecklich. Da ist es besser, gleich zu fasten.“ Seit längerer Zeit macht Clivaz mit einigem Erfolg die Atkins-Diät, von der er sich ein neues Lebensgefühl verspricht. Clivaz lacht viel. Endlich schlank zu sein ist sein erklärtes Ziel, und er befindet sich mitten auf dem Weg.

Diäten tragen das gleiche Versprechen wie Schönheits-Operationen in sich: Nur wenn du dünn bist, bekommst du zur Belohnung die Privilegien dieser Welt. Und sie bergen in sich die gleiche Verwechslung: Dünn wird mit glücklich gleichgesetzt. (…)

 

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Harald Gasper/Regina Gasper

Herrlich hässlich!
Warum die Welt nicht den Schönen gehört

212 Seiten,
13,7 x 21,5 cm
Klappenbroschüre
€ 16,90 (D) / sFr 29,90
€ 17,40 (A)

ISBN 3-8218-5611-4

Oktober

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› www.amazon.de