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Herrlich hässlich! Warum die Welt nicht den Schönen gehört.

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Haralds Geburt als hässlicher Mann

Da sitze ich nun im Wartezimmer der Kinderärztin, links die Mama, rechts ein rotznasiger Zappelphilipp. Und mir gegenüber thront er: ein gut aussehender Blondschopf, vielleicht dreizehn, vierzehn Jahre alt ­ und verflucht gut aussehend. Das denke ich jedenfalls, obwohl ich fast ein ganzes Jahrzehnt jünger bin und nicht wirklich weiß, was es bedeutet, schön zu sein.

In meiner kleinen Umhängetasche liegen die mit Holzstiften gemalten Bilder aus dem Kindergarten; sie sind bevölkert von strahlenden Prinzessinnen, einem gut gelaunten Jesus am Kreuz und ebenso fröhlichen Zwergen und Gnomen neben ihren Pilzhäusern. Manche schön, manche hässlich, aber alle gut drauf. Es scheint also, dass meine Kinderseele die Welt noch nicht mit der Kreissäge in zwei Teile zerschnitten hat, die der Gesegneten und die mit den Makeln an Gesicht und Körper.

Und doch sitze ich im Wartezimmer und denke: Der Kerl sieht gut aus. Besser als ich. So, wie ich eigentlich aussehen will. Also mustere ich ihn voller Bewunderung. Wie grazil er sich hält, wie cool sein Gesicht aussieht. Ich weiß, wie man einen der Heiligen Drei Könige mimt ­ das Krippenspiel hatten wir gerade geübt. Also ruckel ich mich auf dem Kinderstühlchen zurecht und setze die gelassene, schöne Miene auf, die der James Dean gegenüber zur Schau trägt. Ich spiele „schöner Kerl“. Und fühle mich fantastisch. Ich sehe gut aus, was?!

„Jetzt hör auf, diese Grimassen zu schneiden“, zischelt meine Mutter. Meine Gesichtzüge gleiten sofort dorthin zurück, wo sie herkamen: in das kleine Mondgesicht mit den zehntausend Sommersprossen. Peinlich. Ich war ertappt. Und mehr noch: mit einem Schubs dorthin befördert, wo ich die nächsten Jahre zwangsweise wohnen musste ­ im Reich der Hässlichen. Denn jetzt merkte ich zum ersten Mal, dass ich anders war. Mein lachhafter Versuch, mich schön zu fühlen, war gescheitert. Die Realität hatte ihr hässliches Haupt erhoben: Ja, du bist hässlich!

Kurz darauf fing ich im Kindergarten an, Herzchen zu malen ­ mittendurch ein Pfeil und große Tropfen, die nach unten ins Leere plumpsten. Mein Blick wurde misstrauischer. Lauernder. Auf jedem Gruppenfoto konnte man jetzt ein halb schüchternes, halb flehendes Augenpaar beobachten. Der Blick des Nichtmehrsoschönen. Das Paradies war geschlossen. Die Welt wurde garstiger. Schöne Kinderzeit? Ha, nicht für uns Hässliche! Wir verstecken uns unter dem Kopfkissen vor schweißnassen Alpträumen, umzingelt von Monstern und Schattenwesen. Wir verzehren uns nach den blendend aussehenden Sportskanonen und den bezopften Schönheitsköniginnen aus der ersten Klasse.

Es ist, als würden sich die zerrupftesten Erbanlagen aus dem großen Genpool magisch anziehen, um im hässlichen Kind eine weitere Steigerung zu finden. Ein Blick in die Fotoalben meiner Großeltern zeigte mir, dass es nicht erst heute ungerecht zugeht: Meine Ahnen haben weder nach Augenmaß noch nach Herzenswunsch geheiratet, sondern auf Anweisung der Eltern. Da stehen sie dann mit versteinertem Gesicht beim Hochzeitsfotografen: die einfache, gefolgsame Bauersfrau und ihr schwächlicher Bräutigam mit dem winzigen Vermögen, das er unter seinem Kopfkissen verwahrte. Meine Großmutter war, seit ich denken kann, kugelrund, band sich ein gewaltiges Korsett mit Eisenstangen um den Leib und aß, wie zum Hohn, eine lachhafte Scheibe Schwarzbrot und ein Glas Kefir zum Frühstück.

Meine Mutter trug schon als Kind eine Hornbrille auf der Hakennase und nennt auf die Frage nach ihrer liebsten Sportart die seltsame Disziplin „Beine durchdrücken“. Trotzdem findet in den frühen sechziger Jahren ein Mann mit Elvis-Tolle auf dem Kopf und einem NSU-Roller unter dem Hintern den Weg in das kleine Dorf zwischen Mosel und Eifel ­ mein Vater. Später sollte mir meine Mutter zuraunen: „Du hättest ja nicht unbedingt nach mir kommen müssen …“ Das heißt übersetzt: Die Hässlichkeit der mütterlichen Linie hat sich den hübschen Genen meines Vaters als überlegen erwiesen, jedenfalls in meiner Gestalt. Mein zwei Jahre jüngerer Bruder ähnelt zwar mehr meinem Vater, aber auch er knurrte noch als erwachsener Mann, er sei ja nur ein hässliches Entlein. Es ist verrückt, aber das Scheitern am Ideal der Schönheit kennt viele individuelle Wege und Irrwege.

Sommersprossen: Dieses lustige Wort klang in meinen Ohren noch nie freundlich. Denn allzu viele und dunkle Punkte reihten sich auf meiner Nase aneinander, kletterten durch mein Kindergesicht über Rücken und Arme bis in die Fingerspitzen. „Wenn dich jemand fragt, wer denn in dein Gesicht geschissen habe“, schärfte mir meine Mutter ein, „dann musst du stolz sagen: Deinen Arsch habe ich dazu nicht gebraucht!“ Ich nickte zwar, aber als mich auf der Dorfkirmes jemand mit denselben Worten beleidigte, wollte die ach so clevere Retourkutsche einfach nicht aus mir herausfahren. Aus Scham habe ich die Geschichte nur halb erzählt, aber meine Mutter hat sie so verstanden, wie sie sie verstehen wollte: Der Kleine hat sich gewehrt! Und sogleich meine vermeintliche Großtat weitergetrascht. Wer glaubt wirklich noch, man käme unverbeult durch seine Kindheit?

Für Hässliche sind die eigenen Fotoalben nichts weiter als ein Archiv jahrelanger Demütigungen. Wie Charlie Brown trage ich auf allen Kinderbildern einen riesigen runden Kopf auf den schmalen Schultern zur Schau, leuchte mit meinen roten, dünnen Haaren wie ein Hinweisschild aus den Gruppenbildern heraus: Hier ist der Minderbehübschte! Selbst dem Kindergartenfotograf gelang es nicht, ein putziges Portrait von mir zu schießen ­ es war unscharf, vielleicht eine gnädige Geste des Schicksals.

Als „Raumschiff Enterprise“ über den Fernseher ins deutsche Wohnzimmer flog, gruselte ich mich so, dass ich kaum mehr als zehn Minuten gucken konnte. Trotzdem war mir klar, wer der Held der Serie war: der schöne, der starke, der männliche Captain Kirk. Mit meinen Freunden spielten wir die Folgen auf dem Schulhof nach. Wie sehr ich auch flehte, die Rolle des Raumschifflenkers wies sich immer mein bester Freund selber zu. Ich hatte Spock zu sein. Das Spitzohr. Der seltsamste Typ der Bordbesatzung. Vielleicht auch der interessanteste, aber diesen Reiz des Außenseiters erkannte ich erst später, viel später. Bis dahin verfestigte sich erst einmal meine Selbsteinschätzung: Nur die Schönen dürfen sich ihre Rollen aussuchen. Der Hässliche tut, was man ihm sagt. Dann darf er ­ vielleicht ­ auf Rücksicht hoffen.

War die Grundschule noch eine Vorhölle, so begann danach der eigentliche Tanz auf dem glühenden Grill: die Pubertät. Angekündigt weder durch eine tiefere Stimme, noch durch Haare in der Unterhose. Sondern durch weiße Hügel mit rotem Umland. Auf der Stirn, auf den Wangen, am Rücken. Pickel. Die Firma, die Clearasil erfunden hat, dankt vermutlich der Natur für ihre garstige Laune, denn fortan trug ich mein Taschengeld in die Apotheke. Abdeckstifte, Reinigungswässerchen, Cremes. Alles vergeblich. Offenbar wollte mir ein böser Geist klarmachen, dass man Hässlichkeit nicht verstecken könne.

Ein schönes Gesicht mimen wollte ich schon lange nicht mehr, aber jetzt durfte ich noch nicht mal meine normal hässliche Visage behalten. Nun regierte die Entzündung. Als ich beim heimlichen Pickeldrücken in der Schule ebensoviel Eiter wie Blut an meinen Händen hatte, musste etwas passieren. In die Uniklinik! befahl mein Arzt. Und ich folgte. Ich unterschrieb irgendein Papier, das mich zum Teil eines Versuchs mit neuen Medikamenten erklärte, welche wenige Zeit später wegen der heftigen Nebenwirkungen kurz vor dem Verbot standen. Aber es half: Aus der Kraterlandschaft wurde wieder ein Gesicht, nur um Monate später die Vorboten neuer Eruptionen anzukündigen. (…)

 

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Harald Gasper/Regina Gasper

Herrlich hässlich!
Warum die Welt nicht den Schönen gehört

212 Seiten,
13,7 x 21,5 cm
Klappenbroschüre
€ 16,90 (D) / sFr 29,90
€ 17,40 (A)

ISBN 3-8218-5611-4

Oktober

› www.eichborn.de
› www.amazon.de