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Herrlich hässlich! Warum die Welt nicht den Schönen gehört.

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Verschrumpelte Chancen

Eines Tages trifft es jeden: die Erfahrung, nicht mehr jung zu sein. Manchmal kommt sie schlagartig über Nacht, wie ein plötzlicher Schock beim genauen Blick in den Spiegel. In den meisten Fällen aber schleicht sich diese Erkenntnis ins Leben und verschwindet nie wieder. Man erkennt die ersten Falten zunächst nur bei einem bestimmten Licht, dann nach einer kurzen Nacht, und schließlich graben sie dauerhaft ihre Muster in die Haut. Oder der Körper. Weich wird er, merkwürdig wackelnd und empfindlich obendrein. Jeden Morgen verrät er noch stundenlang die Spuren des Schlafs oder trägt die Schmerzen fort, nach unbequemem Liegen.

Das Alter ist generell eine seltsame Erfahrung. Da wir selbst um die 40 sind, können wir nur bedingt mitreden. Wir entdecken gerade erst die Anfänge des Alterns und befinden uns in diesem merkwürdigen Zwischenstadium der Erwachsenenjahre, in denen wir nicht mehr jung sind, aber auch noch nicht wirklich alt. „Machen wir uns nichts vor: Der Lack ist ab!“, kommentiert der Journalist Matthias (42, geschieden) die Situation.

Warum ist Altern kränkend? Zum einen erleben wir am eigenen Leib, wie er nachlässt. Wir sind nicht mehr so leistungsfähig wie früher, hier und da schmerzen die Glieder, wir lassen uns mit einem kleinen Plumps in den Sessel fallen, wir keuchen verdächtig, wir setzen Fett an, wir können Kleingedrucktes nicht mehr gut entziffern, und laute Musik geht uns plötzlich auf die Nerven. Doch schwerer als all das wiegt, so behaupten wir, der endgültige Verlust der Schönheit. Selbst wer niemals schön war, betrauert jetzt seine Hässlichkeit. Alter und Hässlichkeit sind in unserer Gesellschaft geradezu Synonyme.

Und nicht nur in unserer. Die Hässlichkeit des Alterns steht in einer langen geistesgeschichtlichen Tradition. Schon der ägyptische Philosoph Ptahhotep schrieb um 2500 v. Chr.: „Das Alter ist das schlimmste Unglück, das einem Menschen widerfahren kann.“ Die Antike schonte die Alten genausowenig: Ihre Körper glichen denen von Behinderten, heißt es bei Homer, sie seien hässlich, impotent, mit welker Haut, schütterem Haar, lockeren Zähnen und langsamen Bewegungen. Die Renaissance schwelgt gar in Beschreibungen des hässlichen Alters. Erasmus und Marot schreiben von „wandelnden Leichnamen“, „stinkenden Gerippen“, „schlaffen und widerlichen Brüsten“. Shakespeare und Goethe sind kaum milder.

In dem berühmten Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ entwirft Oscar Wilde das Alter als Schreckensvision: Dorian Gray, der schöne junge Mann, der einem Maler Modell saß, verfällt schon beim Gedanken an das Altern in Melancholie. Lieber will er seine Seele opfern, als jemals hinfällig auszusehen; an seiner Stelle solle sein gemaltes Porträt altern. Auch wenn sich Dorian Gray ewige Jugend bewahrt, kann er dem Tod am Ende nicht entkommen.

Viele kluge Menschen haben bereits in Worte gefasst, welche Erfahrungen sie gemacht haben. Generation für Generation ist es das gleiche Spiel. „Der eigene Anblick: der faltige Hals, das Doppelkinn, die schlaffe Haut um die Augen, die eingegrabenen Linien links und rechts der Mundwinkel, die kahlen Flecken auf dem Kopf, die herunterhängenden Wangen, der zunehmende Leibesumfang. Die tägliche Beleidigung des ästhetischen Empfindens beim Blick in den Spiegel“, schreibt Antonia Grunenberg.

Das Erstaunen darüber teilen wohl alle, die alt werden. „Wenn ich in den Spiegel schaue, kann ich gar nicht fassen, was ich da sehe“, beschreibt die 54-jährige Margret ihre neuen Eindrücke. „Vor wenigen Jahren sah mich da noch ein junges Ding an, und jetzt, wenn ich die vielen Falten sehe, muss ich richtig stutzen: Das bin ich doch gar nicht! Ich habe mich noch überhaupt nicht an mein neues Äußeres gewöhnt.“ Erst kürzlich hätten Freunde alte Urlaubsvideos gezeigt, und auf einem hätte sie sich selbst vor acht Jahren entdeckt. „Ich sah mich da durchs Bild gehen, und ich dachte, poah, so dünn war ich mal? Das wusste ich damals ja gar nicht! Ich fand mich nämlich immer zu dick.“ Seitdem sehe sie im Vorbeigehen oft in jedes Schaufenster, in dem sie sich spiegelt: „Ich denke dann, das ist doch gar nicht meine richtige Silhouette.“ Margret lacht schallend. (…)

 

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Harald Gasper/Regina Gasper

Herrlich hässlich!
Warum die Welt nicht den Schönen gehört

212 Seiten,
13,7 x 21,5 cm
Klappenbroschüre
€ 16,90 (D) / sFr 29,90
€ 17,40 (A)

ISBN 3-8218-5611-4

Oktober

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› www.amazon.de