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Herrlich hässlich! Warum die Welt nicht den Schönen gehört.

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Der Körperatlas der Hässlichkeit

Hässlichkeit ist nichts Abstraktes. Wir müssen nur die Augen aufmachen, und schon sehen wir vieles, was uns missfällt – leider. Unser Körper ist ein Schauspiel des Unperfekten, eine Fundgrube der Hässlichkeiten. Weil wir uns Ehrlichkeit geschworen haben, wollen wir diese einmal klar benennen. Wir haben deshalb für Sie einen Anatomie-Atlas der besonderen Art zusammengetragen: Er beschreibt die menschliche Hülle in all ihrer Mangelhaftigkeit. Und wir befürchten, dass die Liste sogar noch ausgeweitet werden kann.

Beginnen wir den Körperatlas der Hässlichkeit ganz oben bei den Haaren. Entweder sind sie zu strohig oder zu strähnig, und falls sie das zufällig nicht sind, fallen sie zumindest verkehrt oder sind farblich ein Fehlgriff. Sie können sie natürlich kolorieren, bis der Ansatz rauswächst oder Sie die Haare im Kamm haben. Ach, Sie haben gar keine? Auch recht! Vielleicht tragen Sie ja eine besonders charakteristische Glatze. Eine mit Kratern, Narben und Flecken. Oder eine komisch geformte. Möglich, dass Sie zu denen gehören, die die kärglichen Resthaare quer über den Schädel ziehen. Haare hat der Mensch nicht nur oben. Sie wachsen aus der Nase des Mannes oder robben am Rand seiner Ohrmuschel entlang. Über den Augen führen Haare gerne einen besonders wilden Tanz auf, dem sich auch Theo Waigel, Martin Walser und Christian Ströbele nicht verweigern. Als Damenbart oder ausgeprägter Pornobalken gedeihen sie prächtig auf der Oberlippe. Bei Männern können sie nahtlos übergehen in Nacken- und Schulterhaare, Rückenhaare und Borsten zwischen den Fingergliedern. Bei Frauen machen sie bisweilen nicht mal vor dem Dekolletee Halt.

Weiter geht es mit der Stirn. Die Stirn kann hoch oder niedrig, eine Denker- oder Deppenstirn sein oder Zorn verraten, mit aufstrebender Einfach- oder Doppellinie in der Mitte. Sie kann einem aufgewühlten Meer ähnlich sein oder kreuz und quer zerfurcht wie ein Dorf nach einem Erdbeben. Oder sie ist verdächtig glatt und starr, liegt leblos da und gibt keiner Mimik mehr nach. Das ist dann die Botox-Stirn.

Und erst die Augen. Das heißt, die Augen sieht man gar nicht, wenn man sich auf die Umgebung konzentriert. Die Schlupflider, die so herzerweichend hängen, die Krähenfüße, Tränensäcke und geschwollenen Lider, kurzum, die ganze Derrick-Palette.

Die Nase: Adler oder Himmelfahrt, Schweinchen oder Steckdose, Haken- oder Boxernase, Sattelnase, Zinken, Knolle oder Knöpfchen. Jedem sein persönliches Trauma. Eine Nase kann fleischig sein oder ganz schmal, brüchig wie bei Michael Jackson oder wuchtig. Nur richtig ist sie nie. Dazu kommt, dass sich auf der Nase alle möglichen Dinge wohlfühlen: Pickel und Mitesser, Wanderwarzen, geplatzte Äderchen, Leberflecken und Hautverfärbungen. Mit fortschreitendem Lebensalter macht sich zudem zwischen Riechorgan und Mund eine hässliche Nasolabialfalte auf den Weg. Sie führt wie ein ausgetretener Pfad zum Mund und seinem Innenleben.

In Sachen Zähne haben nicht nur Dentisten schon alles gesichtet und repariert, was die Natur im Laufe der Jahre anrichten kann: Krumme, schiefe, fleckige Zähne, lange Zahnhälse, leere Höhlen, Pferdegebisse, Über- und Unterbisse und kariöse Verwüstungen unterschiedlicher Schweregrade. Nicht jedes Lächeln öffnet die Herzen, manches öffnet auch nur eine Tür ins Grauen.

Ein respektables Schlachtfeld bietet generell die Haut. Im Gesicht wechselt sie ohne Anlass die Schattierung, wird im falschen Moment grün, knallrot oder bleich, lässt am Körper die Adern durchscheinen oder die Knochen und ist das einzige am Menschen, was mit den Jahren dünner wird. „In den Spiegel seh ich nicht“, behauptete der Rammstein-Sänger Till Lindemann, „ich trag die Fackel im Gesicht / ich bin einsam, doch nicht allein / Akne und Rosazea werden immer bei mir sein.“

Die Wangen. Hohlwangig oder mondgesichtig lassen sie das Gesicht ausgemergelt oder feist wirken. Hamsterbacke. Schweinchen Babe, Biafra-Gesicht.

Das Kinn. Bildet es eine Sprungschanze wie bei Michael Schumacher oder Steffi Graf; formt es Grübchen, Dellen oder Rinnsale wie bei Angela Merkel? Wie doll hängt die Haut unter dem Kinn – doppelt, dreifach oder als Dudelsack?

Weiter mit den Ohren. Es gibt Elefanten- oder Buddha-Ohren, Segelohren, Knickohren und Blumenkohlohren. Und der Hals erst – sofern Sie in der glücklichen Lage sind, einen zu haben und der Kopf nicht direkt auf Ihren Schultern sitzt. Sie können einen Schwanenhals tragen oder einen Schweinchenhals, einen Stiernacken oder bloß einen hervorstehenden Adamsapfel. Der Hals selbst kann sich längs falten wie eine Ziehharmonika oder querliegende Jahresringe bilden, so als trüge man viele Ketten.

Die Schultern. Sind sie gleichhoch? Meistens nicht. Das Leben verändert sie zu Hängeschultern oder hochgezogenen Schultern, die zusammen mit dem Rundrücken eine merkwürdige Haltung ergeben. Vielleicht gehören Sie eher zu den Menschen, die einen Stock verschluckt haben. Deren Brust sich bläht zur Napoleon-Haltung oder einfällt zur Hühnchenbrust des Leptosomen. Frauen haben Brüste im Plural und damit gleich zwei Möglichkeiten, hässlich zu sein. Die linke ist wegen der Nähe zum Herzen meist größer als die rechte. Brüste gibt es als Hängebrüste oder -titten, als die Desirée Nick die ihren feiert, als leere Milchtüten, als Silikonglocken oder auch als gar keine Brüste.

Mit mehr oder weniger Abstand zur Brust folgt der Bauch. Der kommt im wahren Leben selten flach, dafür häufiger als Kugel oder Hängebauch vor, mit und ohne Taille, als Love Handle, als mittlerer Ring oder als Schürze. Manchmal ist er auch nur ein schlaffes Loch. Der Bauch bildet gerne Dellen und lockeres Gewebe. Das verbindet ihn mit seinem Gegenpart, dem Hintern. Bei Männern ist er meist unspektakulär, sieht man von der Behaarung ab, bei Frauen dagegen eine abwechslungsreiche Landschaft: mit Dellen, Hautrissen, Zellulitis, seitlichen Aussackungen namens Reiterhosen, Bindegewebshäufchen und diversen Hautunebenheiten. Apfel- und Birnenpo. Fettarsch. Oder nichts in der Hose. Der Oberschenkel ist weibliches Schlachtfeld Nummer eins. Stämmig oder dürr, mit oder ohne Krampfadern und Besenreißer, weich, wackelnd, schlaff. „Schlaff“ lässt wiederum die Alarmglocken des Mannes läuten: der Schrecken eines schlaffen Schwanzes mit Hängeeiern ist nicht steigerbar. Selbst ermattete Schamlippen Marke Pavian können da nicht mithalten.

Weiter geht’s. Haben Sie lachende Knie oder hängende? Faltige oder knochige? Wie sehen Ihre Unterschenkel aus? Stämmig, bayerisch stampfig oder storchenartig? Die Füße. Entenfüße oder Plattfüße, durch Senk- und Spreizhaltung geprägt. Besonders mögen wir den Blick auf kleine Zehen. Die liegen meist so verkrümmt in den Sandalen wie ein weggeworfenes Endstück der Wurst.

Auch wenn Sie schon erschöpft sind von soviel Hässlichkeit: Wir haben die Arme noch nicht erwähnt. Den wackelnden Trizeps, das kraftlose Gewebe am Oberarm, den Ellenbogen, der gestreckt aussieht wie ein Elefantenhintern. Die Hände. Schlachterhände, Babyhände, Wurstfinger, Hexenfinger, Krummfinger. Alles ist möglich, auch in den ungewöhnlichsten Kombinationen. Zum Beispiel Babyhände an Schlachterarmen.

Die Gesamterscheinung des Menschen ist im echten Leben oft keine Augenweide. Da gibt es Fettsäcke und Hungerhaken. Fragezeichen und Entenhintern. Bückelchen und Bohnenstangen. Und Essstäbchen: So beschimpft man in Japan zu dünne Sumo-Ringer.

Dies ist nur eine grobe Liste. Sie ließe sich nahezu beliebig ins Detail fortführen. Es gibt Leute, die leiden an einem hässlichen Bauchnabel, an einer wulstigen Narbe oder an fehlenden unteren Augenwimpern. Und so weiter und so fort. Es nimmt einfach kein Ende. Ihnen fällt garantiert ein Argument ein, sich auch die passablen Seiten Ihres Körpers noch madig zu machen. Das Schönheitsideal ist maßlos und gefräßig; nichts hat vor ihm Bestand. Es vertilgt auch den letzten Rest Zufriedenheit und lässt Sie verwirrt und hässlich zurück. (…)

 

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Harald Gasper/Regina Gasper

Herrlich hässlich!
Warum die Welt nicht den Schönen gehört

212 Seiten,
13,7 x 21,5 cm
Klappenbroschüre
€ 16,90 (D) / sFr 29,90
€ 17,40 (A)

ISBN 3-8218-5611-4

Oktober

› www.eichborn.de
› www.amazon.de